Art Quilts

Art Quilts

Oder: Wenn man zu einem Esel Pferd sagt, wiehert er dann?

Seit einiger Zeit verfolge ich die Diskussionen in Zeitschriften, Internetforen und Quiltgrupppentreffen über Art Quilts, Quilt- und Textilkunst mit wachsendem Interesse. Und mit zunehmender Frustration sowohl mit den Quilterinnen als auch mit der Quiltindustrie, die sich beide in den Begriff „Art Quilts“ verbeißen, als wäre es der allerletzte Knochen, der auf dem Wochenmarkt noch zu haben ist.

Nehmen wir mal die Quiltindustrie. Öffnen Sie ein beliebiges Quiltmagazin, insbesondere eines mit dem Wort „Art“ im Titel, und sehen Sie sich die Artikel und die Werbung an. Sie finden Quilts, die „Art Quilt“ oder „Ohne Titel“ heißen. In der Beschreibung steht, dass die „Künstlerin“ einfach so viele „moderne“ Techniken wie möglich ausprobieren wollte. Wenn Sie weiterblättern, läuft Ihnen vielleicht eine Anzeige über den Weg, die versucht, Sie zum Kauf noch einer Packung Klebevlies, einer Fototransfer-Chemikalie oder des letzten Schreis an fluoriszierender Stofffarbe „für Ihren Art Quilt“ anzuregen.
Die Motivation der Quiltindustrie, den Art Quilt und all seine unverzichtbaren Accessoires zu bewerben, ist ja noch nachzuvollziehen. Angesichts der Konkurrenz der Strick-Guerilla kann man schon ins Grübeln kommen, ob der Knochen aus dem Vergleich im ersten Absatz ein nur zu gut gewähltes Symbol für einen schrumpfenden Quiltmarkt sein könnte.

Macht also der Kauf von neumodischen Gerätschaften, bunten Fasern oder exklusivem Spezialgarn eine Künstlerin aus jeder, die willens ist, den endsprechenden Geldbetrag über den Tresen zu reichen? Ernsthaft? Haben Sie schon mal gehört, dass jemand Michelangelo ein neues Set Stempel in die Hand gedrückt hat und ihn damit in die nächste Kapelle geschickt hat, um dort großartige Kunst zu erstempeln?

Aber seien wir fair - Michelangelo hat sich selbst vermutlich gar nicht als Künstler gesehen. Anscheinend war El Greco, der griechische Maler, der im Goldenen Zeitalter Spaniens im 17. Jahrhundert berühmt wurde, einer der ersten Maler, der aktiv die Anerkennung als Künstler verfolgte. Nicht, weil er seinen vorherigen Status erniedrigend fand, sondern einfach weil er Steuern sparen wollte. Trotzdem brauchten Michelangelo und El Greco nur Pinsel und Farben, um heute als Künstler anerkannt zu sein. Sie sind allerdings auch tot, aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Aber warum ist das Verlangen, Art Quilts anstatt, nun ja, Quilts zu machen, so dringlich unter Quilterinnen? Weil es besser klingt? Oder weil das Image textiler Handarbeiten so schlecht ist, dass man kaum öffentlich zugeben kann, dass man eine derartig uncoole Leidenschaft hat? Vielleicht rechtfertigt Kunst eher den Verbrauch der Ressourcen, die man für einen Quilt benötigt. Vermutlich werden Künstler auch nicht gefragt, warum sie noch ein Bild malen, obwohl sie schon Stapel davon in ihren Ateliers herumliegen haben.

Oder möchten Quilter als Künstler anerkannt werden, weil sie den Verdacht hegen, dass sie so Zutritt erlangen zum finanziell interessanteren Kuntmarkt? Ein Markt, der ihnen mehr für ihre Quilts bezahlen würde als der Markt für Heimtextilien, der so verdorben ist von Importen aus asiatischen Ausbeutungsbetrieben?

Lassen Sie uns jetzt einfach mal annehmen, dass es tatsächlich erstrebenswert ist, ein Künstler zu sein oder als solcher gesehen zu werden - nämlich als jemand, der Kunst macht. Was uns zum nächsten Dilemma führt.

Die Frage, wie „Kunst“ definiert und von den niedrigeren Disziplinen abgegrenzt werden sollte, raubt Philosophen und Kunstgeschichtlern seit Jahrhunderten, vielleicht sogar seit Jahrtausenden den Schlaf. Und der allgemein anerkannte Blickwinkel hat sich über die Jahre dramatisch verschoben.  

Heute werden Ihnen Leute, die sich auskennen, sagen, dass eine innovative Idee oder ein neues Konzept als intellektuelle Basis extrem hilfreich ist, um ein Objekt zur Kunst zu machen. Auch die Absicht des Schaffenden, Kunst zu machen, gehört dazu. Dass man tatsächlich weiß, was man mit den gewählten Techniken oder Materialien anfangen soll, scheint weniger wichtig bzw. eher hinderlich zu sein für eine erfolgreiche Künstlerkarriere.

Eine Nützlichkeit, die über das Bereiten eines unvergesslichen Schockerlebnisses für die Ausstellungsbesucher aus der selbstzufriedenen Mittelschicht hinaus geht, wäre ebenso kontraproduktiv für die Aufnahme in die höheren Weihen der Schönen Künste. Scheinbar erhält ein Objekt erst dann den endgültigen Ritterschlag, wenn es in einem Museum gezeigt wird. Aber Vorsicht! Es muss auch das richtige Museum sein! Nur ein Design-Museum tut es natürlich NICHT.  

So, was sagt uns das alles? Ich denke, dass es höchste Zeit ist, meine Damen, die Flaggen zu hissen und zu zeigen, wer die Hosen an hat:

Wenn etwas nur Kunst ist, wenn es eine Botschaft übermittelt, dann lasst uns etwas zu sagen haben!

Wenn etwas nur Kunst ist, wenn es in einem Museum gezeigt wird, dann lasst uns dieses Museum bauen!

Wenn etwas nur Kunst ist, wenn ein Konzept dahinter steht, dann lasst uns ein Manifest schreiben!


Ist der Kampf um die Anerkennung nicht schon verloren, bevor wir überhaupt Pfeil und Bogen in die Hand nehmen, wenn wir den Begriff „Art Quilt“ verwenden? Haben Sie schon mal was von einem „Art-Bild“ gehört?


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Author: 
Jutta Hufnagel