Gestreifter Stoff

Gestreifter Stoff

Ein kurzer geschichtlicher Abriss

Streifen haben eine sehr lange Geschichte in europäischen Textilien und während des größten Teils dieser Geschichte haben sie eine eher problematische Rolle gespielt. 

Jahrhundertelang war gestreifte Kleidung den von der Gesellschaft Ausgestoßenen vorbehalten: Ketzer, Clowns, Prostituierte etc. Allgemein gesprochen wurden Streifen mit dem Teufel in Zusammenhang gebracht und waren damit ein Symbol für das Schlechte und Unreine.  

Warum Streifen in Ungnade fielen, ist schwer zu sagen.  Historiker haben mehrere Theorien ausgebildet, die alle von unserem modernen Standpunkt mehr oder weniger glaubwürdig erscheinen.  Fakt ist, dass viele Quellen aus  dem 12. und 13. Jahrhundert den abwertenden, negativen oder teuflischen Charakter gestreifter Kleidung betonen.  

Im 14. Jahrhundert schien sich das Blatt für die Streifen zu wenden - dies aber auch erst nachdem sich die Streifen von der horizontalen in die vertikale Ausrichtung drehte.  Ganz besonders in Italien und dem damals unabhängigen Venedig wurde gestreifte Kleidung für Diener und Sklaven zur Mode.  Dieser Einfluss wird der Ankunft junger afrikanischer Sklaven zugeschrieben. 

Langsam wurden die vertikalen Streifen akzeptabler.  Das moderne Zeitalter erhöhte zudem die Vielfalt und mehrfarbige Streifen tauchten auf.  Ganz besonders im 18. Jahrhundert wird diese Entwicklung den orientalischen Moden zugeschrieben, die ab 1750 aufkamen.  Streifen erhielten Eintritt in allen Ebenen der Gesellschaft, vom Aristokraten bis zum Bauern.  Sie tauchten im festlichen und im gewöhnlichen Kontext auf und wurden sowohl für das Exotische und für das Häusliche verwendet.

Die amerikanische Revolution, die auch als "Tochter der Aufklärung" bezeichnet wird, und die Flagge mit den 13 Streifen (und 13 Sternen) begann einen richtigen Trend für gestreifte Kleidung.  Dieser Trend reiste bald zurück ins alte Europa, wo er fruchtbaren Boden vorfinden sollte.

Sogar heute behält gestreifte Kleidung eine gewisse Zweideutigkeit bei.  Einerseits betrachten wir das Tragen von Streifen immer noch als mutig und wild, andererseits sind sie in Geschäftsanzügen und Hemden wohl etabliert.

Assoziationen

Für Quilter und andere Textilbegeisterte sind vermutlich die Assoziationen, die man in oder hinter gestreiften Stoffen finden kann, interessanter als die historischen Fakten.  Die Themenschwerpunkte, die wir hier aufgenommen haben, repräsentieren mit Sicherheit keine vollständige oder abschließende Liste.  Mit unserer Auswahl laden wir Sie ein, uns auf diesem interessanten visuellen und kulturellem Weg zu begleiten. Denken Sie über die diskutierten Aspekte nach und entscheiden Sie, ob Sie einverstanden sind oder nicht.  Gewähren Sie der einen oder anderen dieser Annahmen Einlass in Ihre Phantasie und lassen Sie Ihren Gedanken und Ideen freien Lauf um die Bilder und die Möglichkeiten herum, die sich für zukünftige Quilt-Entwürfe anbieten...

Abgrenzung vs. Unendlichkeit

Zunächst grenzen Streifen ab und sind gleichzeitig unendlich. 

Der abgrenzende Faktor könnte biologischer Natur sein und daher rühren, wie wir Streifen wahrnehmen und wie unsere Gehirne vertikale und horizontale Streifen verarbeiten.  Wir nehmen gestreifte Flächen schneller war als einfarbige oder gemusterte.

Patterned vs. Striped

Es scheint, als gäbe es sogar eine Vorherrschaft der durch Streifen erzeugten Struktur über Farbe und Form, d. h. der gestreifte Stoff springt uns aus einem Muster stärker entgegen als eine sehr helle und kontrastreiche Farbe. 

Block Pattern

Dieser optische Effekt könnte natürlih auch einen kulturellen Ursprung haben.  Die mittelalterlichen Assoziationen von gestreifter Kleidung mit dem Teufel könnte immer noch fest in unseren Gehirnen verankert sein.  Es könnte unser Unterbewusstsein so steuern, dass es Gefahr oder zumindest einen Grund für erhöhte Wachsamkeit registriert, wenn es mit gestreiften Mustern konfrontiert ist.

Auf der anderen Seite können Streifen auch als kontinuierliche Vorwärtsbewegung interpretiert werden.  Streifen repräsentieren das Motiv und den Hintergrund in gleichem Maße und stellen das Endliche und das Unendliche gegenüber.

Infinite  

Streifen können Geschwindigkeit symbolisieren und den Eindruck eines sich beschleunigenden Rhythmus erwecken.  In diesem Zusammenhang kommen wir auch zur Unterscheidung zwischen breiten und schmalen Streifen.  Breite Streifen, mehr als schmale Streifen, sind "gefährlich" und "wagemutig" und entfernen sich stärker von der sicheren und akzeptierten Einfarbigkeit.

Fort Henry

Vertikale Streifen vermitteln die Illusion von Höhe und machen ein (Stoff-)Stück beeindruckender. 

Um dieses Spiel weiter zu spielen, können wir uns auch vorstellen, dass ein Streifen eine weitere gestreifte Schicht darstellt, die sich mit der Schicht schneidet, die wir betrachten... Dies würde die Idee der Unendlichkeit von Streifen wirklich bis ins Extreme zu treiben...

Aufmerksamkeit vs. Illusion

Streifen kommunizieren auf vielen Ebenen.  Hauptsächlich erregen sie unsere Aufmerksamkeit durch starke Kontraste.  Das Auge kann einfach nicht umhin, von einer gestreiften Oberfläche angezogen zu werden. 

Harlekin Block

Heute bedeuten Streifen eher Gefahr als Ausschluss oder Abgrenzung.  Sie werden in Symbolen und Verkehrszeichen verwendet, die ohne Worte kommunizieren, was wir tun oder nicht tun sollen. 

Während sie oberflächlich einfach sind, können Streifen auch das Mittel sein, um Nachrichten zu verschlüsseln.  Hier ist das beste Beispiel sicherlich der Bar-Code, den wir heute auf fast jedem Produkt finden, das wir kaufen.

Skiathos Block

Mit all dieser scheinbaren und manchmal in die Irre führenden Einfachheit können Streifen auch eine Vielzahl optischer Täuschungen hervorrufen. 

In der Natur finden wir viele Bespiele von Streifenmustern.  Mit seiner dramatischen schwarz-weißen Färbung können wir das Zebra als ein perfektes Beispiel ansehen für das inspirative Spiel, das wir hier spielen.  Außerdem könnte es auch das am besten gekleidete Tier auf der Erde sein.  Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es nun ein weißes Tier mit schwarzen Streifen oder um ein schwarzes Tier mit weißen Streifen handelt - was nur auf den ersten Blick eine unerhebliche Fragestellung ist und welche sich auf die Interpretation aller gestreiften Oberflähen beziehen kann. 

In der Natur haben sich Streifen entwickelt, um den Feind an der Nase herumzuführen und um Verwirrung zu stiften.  Im Falle des Zebras dienen die Streifen nicht wirklich dazu, das Tier mit der Umgebung verfließen zu lassen, sondern um seine Konturen aufzulösen und es für den Angreifer schwerer zu machen, ein Einzeltier als potenzielles Opfer auszumachen. 

Zebra

Farbe vs. Halbfarbe

Wenn jedoch die Farben der Streifen nicht viel Kontrast aufweisen, ist das Resultat eine Art Halbfarbe, ein Mischton zwischen der einen und der anderen Farbe.

Stripes vs. Solid

 

In einem Quilt kann dieser Effekt sehr wünschenswert sein, wenn man sich von einer Farbe zur nächsten bewegt.  Das Auge wird ausgetrickst, wieder einmal angezogen und in seiner Bewegung über den Quilt unterbrochen, wenn es den subtilen Unterschied zwischen einfarbigen und gestreiften Flächen wahrnimmt. 

 

Too many stripes Zu viele Streifen machen verrückt! ;-)

Quellen:

Mark Hampshire et Keith Stephenson (2006): Les Rayures. communication & motifs. Paris

Michel Pastoureau (1991): L'étoffe du diable. Une histoire des rayures et des tissus rayés. Paris


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